Das Berliner Kriminal Theater in der Presse


    
Der Tagesspiegel vom 27.01.2001     Berliner Morgenpost vom 27.01.2001



Ab in die Wanne, der Fall ist gelöst

Sherlock Holmes und Dr. Watson sind dem Hund von Baskerville auf der Spur Die Pfote des vermeintlichen Ungeheuers schlug bei der Premiere so heftig an die Terrassentür des Adelssitzes, dass das Wappen der Baskervilles über der Bühne abklappte. Ansonsten bekam man das geheimnisvolle Tier nicht zu sehen. Brauchte man auch nicht. Das Böse geht in Arthur Conan Doyles Geschichte "Der Hund von Baskerville", die ursprünglich "Der Hund der Baskervilles" hieß, schließlich vom Menschen aus. Der Autor beschrieb den Fall als Fortsetzungsroman 1901 bis 1902 in einem Monatsmagazin. Kurz vor Schluss kam das Buch heraus und soll reißenden Absatz gefunden haben, weil die Leser den letzten Teil im Magazin wohl nicht mehr abwarten konnten.

Wolfgang Rumpf inszenierte das Stück von Florian Battermann in sechs Bildern am Berliner Kriminal Theater. Es ist die 20. Inszenierung der seit acht Jahren bestehenden Bühne in der Palisadenstraße in Friedrichshain, die am 30. April ihre 750. Vorstellung feiert.

Zwischen dem ersten Bad von Sherlock Holmes (Matti Wien) und Dr. Watson (Arne Lehmann) und dem zweiten gemeinsam in der Wanne liegen zweieinhalb Stunden wortreiches Spiel um den Kriminalfall in dem vom Moor umgebenen Landsitz. Dorthin müssen sich die beiden begeben, um die mysteriösen Todesumstände von Sir Charles Baskerville zu untersuchen.

Wolfgang Rumpf hält sich bei der Regie an das Tempo und die Erzählart der damaligen Zeit und ist damit gut beraten. 24 Mal soll der Stoff bereits verfilmt worden sein. So konnte der Regisseur davon ausgehen, dass er keine Neuigkeiten verbreiten, sondern ein Wiedersehen mit einem Klassiker inszenieren muss. Da sind auch Nebenfiguren im Spiel wichtig und bekommen ihre Chance. Nur der Bösewicht kaum, wie bei den englischen Klassikern oft.

Mit Verdacht auf ein Verbrechen taucht bei den mit Seife schäumenden Detektiven in London der bürgerlich-ländliche Arzt des Dahingerafften, Doctor Mortimer (Karl-Heinz Barthelmeus /Gert Klotzek), auf. Etwas modern amerikanisch eingefärbt gibt sich der gerade aus den USA herbeigereiste Erbe Sir Henry Baskerville (Max Haupt im Wechsel mit Andreas Dilschneider). Etwas zu hölzern angelegt wirkt die Rolle des Butlers Mr. Barrymore, den Wolfram von Stauffenberg spielt. Als dessen Frau hat Gundula Piepenbring zusammen mit Arne Lehmann komische bis rührende Szenen.

Geradezu verdächtig humorlos und entnervt dagegen kommt der Botaniker Mister Stapleton ins Spiel (Thomas Linke/Peter Donath). Kurz, weil "nur" fürs Herz beim Happy End und nicht so sehr für den Kriminalfall wichtig, sind die Auftritte von Stapletons vermeintlicher Schwester Beryl (Katharina Lucka).

Bei der Premiere vor Publikum in allen Erwachsenaltersgruppen gab es begeisterten Beifall, denn mit der Inszenierung in schöner Ausstattung von Manfred Bitterlich kommt der Regisseur exakt dem entgegen, was im Kriminal Theater erwartet wird. Klassiker sind Pflicht fürs Repertoire. An ihnen muss man nicht herumspielen, um sich zu profilieren. Dass Rumpf aktuelle Stoffe temporeich in Szene setzen kann, zeigt er mit Mankells "Vor dem Frost", der Regiearbeit zuvor, die auf dem Spielplan ist.

Wien und Lehmann können als sich widersprechendes und sich neckendes Paar zum Schluss wieder baden. Geschickt setzt Tuscan Medici ans Ende der Toncollagen den alten Heymann-Schlager "Ein Freund, ein guter Freund ..." Der Fall ist tot, es lebe der Fall.

Neues Deutschland - 15.04.2008 von Almut Schröter


"Watson, dann lassen Sie mal die Wanne ein!"

Premiere Wolfgang Rumpf inszeniert "Der Hund von Baskerville" am Kriminaltheater Berlin

BERLIN/LEEGEBRUCH So hat man den Meisterdetektiv und seinen Freund noch nicht gesehen: Sherlock Holmes und Dr. Watson sitzen in der Badewanne. Holmes raucht Pfeife, Dr. Watson schrubbt ihm den Rücken. Als es an der Tür klingelt, weiß man, dass ein neuer Fall beginnt. Mit "Der Hund von Baskerville" hat der in Leegebruch lebende Regisseur Wolfgang Rumpf jetzt die bekannteste Geschichte von Arthur Conan Doyle inszeniert. Am Donnerstag wurde im Berliner Kriminaltheater die Premiere gefeiert.
Die Story ist bekannt, sie wurde mehr als 20 Mal verfilmt: Unter mysteriösen Umständen ist Sir Charles Baskerville gestorben. Ein Geisterhund, der einer Legende nach die Familie heimsucht, soll den Adligen über das nächtliche Moor gejagt haben. Der Neffe des Toten, Sir Henry, will von dem Spuk aber nichts wissen. Er tritt das Erbe an. Begleitet von Dr. Watson, der ihn beschützen und für Holmes die Umstände des Todes recherchieren soll, geht die Reise zum Familiensitz.
Dort treffen Sir Henry (Max Haupt) und Dr. Watson (Arne Lehmann) auf einige unheimliche Gestalten. Da ist das Dienerehepaar (Wolfram von Stauffenberg und Gundula Piepenbring), das durchs Haus schleicht und mit einer Laterne ins Moor leuchtet. Merkwürdig verhalten sich auch Mr. Stapleton (Thomas Linke) und seine Schwester Beryl (Katharina Lucka).
Mit viel Liebe zum Detail bringt Wolfgang Rumpf das Stück auf die Bühne. Neben dem grandios-komischen Badewannen-Einstieg lassen vor allem kleine Ideen die Zuschauer immer wieder lachen. Da gluckert der Abfluss, wenn vom tödlichen Moor die Rede ist. Der bärbeißige Butler Barrymore stapft wie Frankenstein durchs Haus. Und Dr. Watson versteckt sich zwecks Oberservierung in einer Ritterrüstung - und bleibt stecken.
Die Ausstattung besorgte Manfred Bitterlich. Er hat nicht nur die Badewanne gezimmert, sondern auch den Salon derer von Baskerville entworfen. Zusammen mit den hervorragend kostümierten Schauspielern entsteht die bedrohliche, aber zugleich gemütliche Atmosphäre, wie man sie aus englischen Detektiv-Filmen kennt.
Zum Schluss hat Holmes, mit einem sympathischen Schmunzeln souverän von Matti Wien gespielt, natürlich seinen großen Auftritt. Schüsse fallen, der vermeintliche Geisterhund ist tot und der Mörder findet sein Ende im Moor.
Holmes hat mal wieder sauber ermittelt. Jetzt tut ein wenig Entspannung Not: "Watson, dann lassen Sie mal die Badewanne ein!."

Märkische Allgemeine Zeitung vom 12.04.2008 Von Matthias Gabriel


"Der Hund von Baskerville" outet sichTheater

Nach jahrzehntelangem Rätselraten ist es nun endlich raus: Meisterdetektiv Sherlock Holmes und sein eifriger Gehilfe Doktor Watson sind schwul. Wie weiland Loriots Herren Klöbner und Müller-Lüdenscheidt planschen sie gemeinsam in einer Badewanne, siezen sich zwar korrekt, benehmen sich aber ansonsten wie ein altes Ehepaar.
Das Outing der beiden Spürnasen ist - neben der Aufdeckung eines teuflischen Mordplans - die größte Überraschung bei der Premiere von Sherlock Holmes' wohl berühmtestem Fall "Der Hund von Baskerville" im Berliner Kriminaltheater. Von Florian Battermann nach dem gleichnamigen Roman von Sir Arthur Conan Doyle für die Bühne adaptiert, hat Regisseur Wolfgang Rumpf das Stück in sechs Bildern very british inszeniert: Im Grundton ruhig und gelassen, aber immer wieder mit effektiven Knall- und Gruseleffekten sowie reichlich rabenschwarzem Humor garniert. Die Bühne von Manfred Bitterlich wechselt vom lässigen Londoner Domizil von Holmes in die Landhaus-Idylle von Baskerville Hall. Hier entspinnt das perfekt besetzte achtköpfige Ensemble eine klassische Mörderjagd im besten Sinne: Hausherr Sir Charles erlitt im nahen Dartmoor einen Herzinfarkt. Angeblich zu Tode gehetzt von einem Riesenhund. Jetzt schwebt sein Erbe Sir Henry (Andreas Dilschneider) in Lebensgefahr. Eine höchst vergnügliche Krimikomödie.

Berliner Morgenpost vom 12.04.2008


Die Wallanders auf den Spuren einer Sekte

"Was geht hier bloß vor?" Gute Frage, ja die geradezu klassische Krimi-Frage, die der weltberühmte schwedische Schriftsteller Henning Mankell seinem ebenso berühmten Star-Detektiv Kurt Wallander in den Mund legt. Und tatsächlich geht es auch in dem irren Thriller "Vor dem Frost" spektakulär rätselhaft zu: Da stürzen brennende Schwäne, verschwinden Frauen, verwesen verhackstückte Leichen oder explodieren in Kirchen Granaten. Schließlich entdeckt im lebensgefährlichen Alleingang Polizeischul-Absolventin Linda, Wallanders Tochter und neue Kollegin, der vielen Rätsel entsetzliche Lösung: Eine religiöse Sekte, die im Untergrund massenmörderischen Wahn auslebt.
Toller Plot und eine super Idee von Wolfgang Seppelt, Chef des seit Jahren erfolgreichen Berliner Kriminaltheaters, den sagenhaften Roman auf seine kleine aber feine Bühne zu bringen. Gemeinsam mit Autor Christian Scholze und Regisseur Wolfgang Rumpf entstand eine verblüffend praktikable Dramatisierung dieser komplexen Vorlage. Ihre straffe szenische Umsetzung überzeugt selbst auf populärem Krimi-Brettel, wobei auf psychologische Feinheiten eher verzichtet wird. Dabei wären u.a. die Hauptakteure Alexandra Madincea und Paul Weismann als die beiden Wallanders solcherart Feinzeichnung durchaus gewachsen.
Trotzdem: Ein klasse Coup dieses subventionsfrei spielenden privaten Volkstheaters der speziellen Art im pittoresken "Umspannwerk Ost". Für Freunde des subtilen Gangsterstücks ist es nicht nur wegen des angeschlossenen Restaurants längst Kult.

Berliner Morgenpost 22.10 2007 Reinhard Wengierek


Eiskalte Morde vorm ersten Frost

Wolfgang Rumpf inszenierte brisanten Mankell-Roman im Berliner Kriminal Theater
Sein Lächeln strahlt Irres aus, im nächsten Moment wird er grausam. Erik Westin steht in Henning Mankells Roman "Vor dem Frost" für Gefahr. Religiöser Fanatismus, vermeintliche Weltbilderneuerung sind Hintergründe seines Handelns. Mit dem Untertitel "Kommissar Wallander ermittelt" inszenierte Wolfgang Rumpf den aktuellen Stoff im Berliner Kriminal Theater. Es gelang ihm, das Wesentliche des brisanten Buches, dessen Taschenbuchausgabe über 500 Seiten zählt, in knapp zweieinhalb Stunden spannend auf die Bühne zu bringen. Durch wiederholte Reflexionen des Fanatikers Westin im Buch boten sich zwar Streichungen an. Rumpf jedoch zeigt durchgängig Konsequenz und geht mit dem Stück an die Grenzen des Dokumentarspiels, das den Ausgangspunkt in einem Massaker 1978 in Jonestown, Guyana, erwähnt und wie im Roman mit Ereignissen am 11. September 2001 endet. Dass in Schweden nach Frösteln der Frost als Mankells Gleichnis für zunehmende Kälte der Auseinandersetzungen einsetzt, kann man sich denken.
Unbarmherzig, jegliche Eitelkeit außer Acht lassend, setzt Rumpf Lichteffekte. Er lässt die Schauspieler zwischendurch als Erzähler die Handlung vorantreiben. Jede Falte im Gesicht der Mimen wird da zur Furche. Keine Ablenkung erlaubt die Regie - bis auf zeitweise unpassend erneuerte Locken bei Kommissar Wallanders Tochter Linda. Ihr kommt im Stück wie im Buch als Polizeianwärterin eine große Rolle zu, die Alexandra Madincea mit Vehemenz und Gefühl ausfüllt. Ihre Freundin Anna (Sabine Langendorf), Tochter des vor 24 Jahren verschwundenen Erik Westin, ist plötzlich unauffindbar, nachdem sie ihren Vater gesehen haben will. Zugleich werden bei Ystad Tiere lebendigen Leibes verbrannt, Menschen hingerichtet. Wallander muss schließlich auch um Linda und ihre zweite Freundin Zebra (Bibiana Malay) fürchten.
Gespielt wird der Kommissar von Paul Weismann, der bei der Premiere noch nicht den von Mankell geschaffenen "Mischling" zwischen großem Jungen und professionell blitzartig reagierendem Kriminalisten zeigte. Er spielte beide, verinnerlichte die Zwiespältigkeit noch nicht. Es ist wohl auch schwieriger, als eindeutig abwegig zu sein wie Gert Klotzek als der Fanatiker Westin oder Christian A. Hoelzke als dessen Handlanger Torgeir Langaas. Andreas Dilschneider fällt als zweitem Kriminalisten Stefan Lindmann die zurückhaltende Rolle zu, Katrin Martin die der überspannten wie sich gefühllos gebenden Mutter von Anna. An sonst auf dieser Bühne vornehmlich Gezeigtes erinnert allein Thomas Hailer wie geistesabwesend als seniler Klavierlehrer und als alter Pfarrer, der gegenüber Linda vorgibt, das Flüstern der Toten zwischen den Grabsteinen hören zu können. Tatsächlich ging Mankell mit dem Pfarrer etwas ins Komische, als er ihn sinnieren ließ, man müsste sich aussuchen können, neben wem man auf dem Friedhof zu liegen kommt. Neben einem Schwätzer fände man keine ruhige Minute.
Manfred Bitterlichs Bühnenbild unterstützt in kühler Zweckmäßigkeit die Konzentration auf den Text. Die Schauspieler arbeiten hart in dieser beachtenswerten, gegenwartsdramatischen Inszenierung, mit der sich das Berliner Kriminal Theater mutig von einer weiteren guten Seite zeigt.

Neues Deutschland 23.10.2007 - Almut Schröter


Kriminelle Liederrevue

Ein Schuss peitscht durch den Saal und zerfetzt beinahe die Trommelfelle. Spätestens jetzt sollte man schnell ein argloses Gesicht aufsetzen, um bloß nicht in die kriminellen Machenschaften von Angelika Mann, Arne Lehmann und Tom Deininger verwickelt zu werden. Das Trio stimmt ein grausiges Hohelied auf fiese Serienkiller an. Dabei glänzt ein Song ganz besonders hell im Zwielicht der kriminellen Halbwelt: "Der Mörder ist immer der Gärtner". Titelgebend zieht sich Reinhard Meys Chanson bis zur überraschenden Schluss-Pointe durch das von Wolfgang Rumpf und Wolfgang Seppelt zusammengestellte Sommerprogramm im Berliner Kriminaltheater. Unter der musikalischen Leitung von Pianist Jürgen Beyer ist der überaus kurzweiligen Revue die Spielfreude der singenden Schauspieler deutlich anzumerken: Da folgen Angelika Mann und Tom Deininger auf Samtpfoten im schrillen Pelz dem gerissenen, diebischen Kater "Macavaty" aus Andrew Lloyd Webbers Musical "Cats", während Arne Lehmann ganz nonchalant in Georg Kreislers swingendem "Bidla Buh" hübsche Damen um die Ecke bringt. Doch die halbseidene Gesellschaft sollten sich vorsehen, denn einige Meisterdetektive sind ihnen auf den Fersen: Der mürrische Maigret mit seiner ewigen Pfeife, sowie Sherlock Holmes im typischen Cape und sein Assistent Dr. Watson. Die Herren können zwar mit Requisiten kleine, feine Zitate für Krimifans streuen, doch Angelika Mann dominiert den Abend: Sie singt ihre Mitstreiter an die Wand, ihre "Mary Stuart" ist eine Wucht! Wie viele der Melodien kommt auch diese nett-harmlos daher. Davon sollte man sich aber genauso wenig einlullen lassen wie vom sanften Saxophon von Axel Glenn Müller. Das könnte nämlich gefährlich werden, wenn "Haarmann" sein Hackebeilchen zückt und der verblendete Liebhaber eine Leiche im Keller verscharrt. Hinterher kann man sich kaum mit einem lapidaren "Ach, Erich!" herausreden. Das schafft nur die Mann.

Berliner Morgenpost vom 06.07.2004 Boro


Zwei Fremde im Friedrichshain

Patricia Highsmith ist die Königin der subtilen Spannung. Bereits ihr erster Roman "Zwei Fremde im Zug" war 1950 ein Erfolg. Alfred Hitchcock kaufte für schlappe 6800 Dollar die Rechte und drehte einen seiner besten Filme. Die Geschichte ist so einfach wie genial: Während einer Zugfahrt trifft der junge Architekt Guy Haines auf den reichen Charles Bruno. Ein Trinker, voll Haß auf seinen Vater. Guy erzählt ihm, daß seine Frau nicht in die Scheidung einwilligt. Bruno schlägt einen Deal vor: Sie lösen ihre Probleme wechselseitig: zwei perfekte Morde, ohne Motiv, mit wasserdichten Alibis. Guy winkt angewidert ab. Doch Bruno erfüllt ungefragt seinen Teil des Plans. Der Beginn eines Alptraums. Regisseur Wolfgang Rumpf überrascht mit einer für das als schwarzhumorig bekannte Berliner Kriminal Theater ungewöhnlich ernsten Inszenierung, die berührt. Ganz langsam entwickelt er aus einem zunächst scheinbar harmlosen Kammerspiel ein verstörendes Psychodrama. Charles, das verwöhnte Muttersöhnchen, pocht unerbittlich auf die Abmachung und drängt Guy zum Mord. Dessen Leben wird dabei systematisch zerstört. Seine beruflichen Träume und beinahe auch seine Liebe. Auf der von Manfred Bitterlich minimalistisch-monochrom eingerichteten Bühne fokussiert sich alles auf die bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzten Schauspieler. Allen voran Thomas Rudnick als Charles. Ein versoffener Dämon, der seinen Gegenspieler zu einem Duell herausfordert, das der nicht gewinnen kann. Andreas Dilschneiders Guy reagiert zunehmend paranoid. Ein nervöses Wrack, das mit tonnenschweren Skrupeln ringt. Doch in diesem Kampf gibt es keine Sieger. Am Ende sind mehr als zwei Leben zerstört.

Berliner Morgenpost vom 24.10.2004 Boro


Die Zeugin der Anklage verblüfft in Friedrichshain

Im Mordfall Miss Emily French spricht nichts, aber auch rein gar nichts für Leonard Vole: Arbeitslos und pleite, lernte der verheiratete Mittdreißiger die wohlhabende, alleinstehende 56jährige Emily vor einigen Wochen kennen und freundete sich mit ihr an. Kurz darauf änderte Miss French ihr Testament zu seinen Gunsten. Wenig später war sie tot. Erschlagen. Und Leonards Alibi klingt aus dem Mund seiner Frau Christine seltsam unglaubwürdig. Für Oberinspektor Hearne (herrlich selbstverliebt: Tom Deininger) Grund genug, ihn wegen Mordes anzuklagen. Nur einer glaubt jetzt noch an Leonards Unschuld und kann ihn vor dem Galgen retten: Sir Wilfrid Robarts. Ein naiver, junger Mann, seine eiskalte Gattin und ein mit allen Wassern gewaschener, herzkranker Star-Anwalt. Das sind die Protagonisten des wohl packendsten Krimidramas der Queen of Crime - Agatha Christies "Zeugin der Anklage". Berühmt wurde das Theaterstück vor allem durch Billy Wilders Verfilmung von 1958 mit Marlene Dietrich und Charles Laughton. Daß man aber keine Angst vor solch überlebensgroßen Vorbildern haben muß, hat das Berliner Kriminal Theater nun mit seiner brillanten Bühnenadaption bewiesen. Regisseur Wolfgang Rumpf hat den Dreiakter very british in Szene gesetzt. Manfred Bitterlichs Bühnenbilder, eine Bibliothek mit englischer Herrenclub-Atmosphäre und ein Gerichtssaal mit verblaßtem viktorianischem Glanz lassen dafür reichlich Raum. Vor dieser Kulisse läuft Ulrich Voss als knorriger Sir Robarts zu Hochform auf, entkräftet jeden Zeugen und läßt Staatsanwalt Myers (Joachim Kaps) ziemlich blaß aussehen. Bis er auf eine würdige Gegnerin trifft: Christine, die Gundula Piepenbring mit granitharter Arroganz mimt. Spannung pur bis zum spektakulären Schluß!

Berliner Morgenpost vom 26.03.2005 Ulrike Borowczyk



Überzeugende Zeugin der Anklage - Keine Angst vor großen Vorbildern beim Berliner Kriminal Theater in Friedrichshain

Meisterhaft inszeniert, fesselt die Neuauflage von Agatha Christies »Die Zeugin der Anklage« bis zum Schluss. Auch deshalb, weil Regisseur Wolfgang Rumpf im Berliner Kriminal Theater sich von Billy Wilders weltweit berühmter Verfilmung des Klassikers nicht hat irritieren lassen und seinen eigenen, mit viel Humor gewürzten Stil gefunden hat. Dem Stück tut das nur gut, denn die in typischer Agatha-Christie-Manier brillant durchdachte Erzählung um den jungen Leonard Vole, der aus Geldgier eine reiche, ältere Dame ermordet haben soll, wirkt ohnehin für sich selbst. Durchweg gut besetzt sind die Darsteller, unter denen besonders Ulrich Voß als Anwalt Sir Wilfrid Robarts hervorsticht, der als einziger an die Unschuld seines Mandanten glaubt. Die Spieldauer von rund zweieinviertel Stunden sowie die von Manfred Bitterlich schön britisch ausgestatteten Räume geben den Akteuren Zeit und Raum, die Rollen mit Leben zu füllen. Ulrich Voß als mit allen Wasser gewaschener alter Anwalts-Fuchs setzt dabei auf hohes Niveau, beherrscht mit offensichtlichem Spielvergnügen auch kleinste Details. Eine ebenbürtige Gegnerin findet er in Gundula Piepenbring als Gattin des Angeklagten. Statt sich, was ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen wäre, mit der glamourösen Eleganz der überlebensgroßen Marlene Dietrich messen zu wollen, spielt sie die verräterische Ehefrau mit eiskalter Zurückhaltung, streng und harsch. Etwas blasser bleibt zunächst Andreas Dilschneider als Leonard Vole, doch auch seine naiv angelegte Rolle des charmanten, zu Unrecht angeklagten jungen Mannes gewinnt im Lauf des Stücks deutlich an Konturen. Selbst kleinere Rollen sind schön besetzt: Kaspar Eichel zeigt in drei Rollen drei verschiedene Gesichter, der aus DEFA-Zeiten bekannte Manfred Borges genießt seinen Auftritt als Richter sichtlich, ebenso der Comedy-erprobte Tom Deiniger seinen Kurzauftritt als gewichtiger Oberinspektor. Ein toll inszeniertes Gerichtsdrama, das sich gekonnt bis zum spektakulären Finale hoch schraubt.

Neues Deutschland vom 06.04.05 Anouk Meyer


Beklommenheit drängt zum Reden

"Die Beichte" im Berliner Kriminal Theater
Eine reine, klare Mädchenstimme singt "What a wonderful world". Doch die Musik dazu klingt drohend. Irgendwas läuft falsch im Paradies. Der Mann mit dem schlafenden Kind auf den Armen und dem gehetzten Blick sucht auch nur scheinbar Zuflucht im düsteren Gotteshaus. Er glaubt schon lange nicht mehr. Er will zu Pater Eberhard, den er von früher kennt. Beichten. Rache üben. Er, Martin, hat seinen Sohn jahrelang mißbraucht, so wie der Pater einst ihn, den Chorknaben, mißbrauchte. Nun peinigt ihn die Schuld. Selbstmord ist für ihn der einzige Ausweg. Und seinen Jungen will er mitnehmen. Sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen ist ein schweres und leider stets aktuelles Thema. Der Tiroler Felix Mitterer hat daraus einen Dialog mit subtiler Hochspannung und Dramatik entwickelt, ohne einseitig zu verurteilen: "Die Beichte". Regisseur Wolfgang Rumpf, bekannt für seine luftigen Krimispäße, zeigt im Berliner Kriminal Theater nach "Zwei Fremde im Zug", daß er auch ganz anders kann: hart und auf den Punkt in der Sache, verstörend eindringlich in der Figurenführung. Da gibt es keine Konzessionen an die leichte Muse, mit der das Kriminal Theater sein Publikum sonst verwöhnt. Nur Beklommenheit. Die wiederum drängt zum Reden. Auf der von Martin Bitterlich minimalistisch ausgestatteten Bühne dominiert der blutrote Beichtstuhl des von Parkinson geschüttelten Pater Eberhard (Volkmar Kleinert). Daneben lehnt Martin (Ulrich Wiggers) zusammengesunken an einer Säule, während sich ein Gespräch zwischen den zwei Charaktermimen entspinnt. Kein messerscharfes Duell, vielmehr werden die psychologischen und sozialen Hintergründe in der mit Rückblenden gespickten Lebensgeschichte Martins beleuchtet. Er, der Waisenknabe, wollte geliebt werden. Also tat er alles für den Priester. Der hat 20 Jahre nach Ausreden gesucht und keine gefunden. Genau wie Martin, der auch zum Täter wurde. Ein ungewöhnliches Stück im Kriminal Theater, bewegend inszeniert und gespielt. Eine Aufforderung hin- und nicht wegzuschauen. Denn den Statistiken zufolge wird jedes fünfte Kind in Deutschland mißbraucht.

Berliner Morgenpost vom 09. März 2006 Ulrike Borowczyk


Miss Marple zeigt ein süßes Lächeln

»Mord im Pfarrhaus« von Agatha Christie im Berliner Kriminal Theater unter Regie von Ulrich Voß



Rentnerin war Miss Marple schon, als Agatha Christie sie 1930 als gebildete Dame in die Welt setzte. In »Mord im Pfarrhaus« tauchte sie zum ersten Mal auf – als neugierige Schreckschraube, die vom Gartenzaun aus mit dem Fernglas das Dorfleben von St. Mary Mead im Auge behielt. Der Roman wurde in England dramatisiert. Die deutsche Bearbeitung von Peter Goldbaum erfuhr nun eine weitere Brechung durch Ulrich Voß fürs Berliner Kriminal Theater. Seine Miss Marple singt zwar Kirchenlieder, zeigt sich jedoch etwas dämonisch und macht kein Hehl daraus, dass Abgründe der menschlichen Seele sie faszinieren. Mit süßem Lächeln zieht die per Kostüm aufgepolsterte Anette Felber als Miss Marple finstere Schlüsse. Und das macht sie gut. Christlich brav geben sich die Dorfbewohner, wenn sie nicht gerade den wohlhabenden Colonel Protheroe verfluchen. Sogar der deprimierte Pfarrer Leonhard Clement (Karl Heinz Barthelmeus) lässt sich dazu hinreißen, was ihn aber nicht mehr als andere in Verdacht bringt, als der Colonel wenig später in der halb renovierten Kirchenimmobilie gemeuchelt wird. Dort wollte er zum Schwund von Gemeindegeldern den Pfarrer befragen. Regisseur Voß zeigt familiäre Atmosphäre im Pfarrhaus, verzichtet auf mehrere Dorfbewohner des Romans und auf die muntere Pfarrersfrau, um das Stück in zwei Stunden zu packen. Dafür lässt er die von Renate Pick warmherzig gespielte Haushälterin Mary Jenkins hautnah an den Geistlichen rücken. Vom Pfarrersneffen Dennis Clement (Dominik Bliefert) wird das akzeptiert. Der hat sowieso nur Augen für die hormongeschüttelte Colonelstochter Lettice. Sara Wehrs spielt engagiert das plappernd bis markerschütternd schreiende unglückliche Wesen, das schon im Roman neben dem eigenartigen Vikar Ronny Hawes eine bizarre Rolle spielt. Mit Arne Lehmann überhöht Ulrich Voß noch die Exaltiertheit des Glockenläuters, sorgt für sichere Lacher und gibt auf dieser Strecke leisen Humor auf. Dann wird's eben leicht poltrig mit dem eigentlich nicht mehr im Dienst befindlichen Inspektor Slack (Peter Groeger) und etwas weinerlich mit der scheinbar betroffenen Colonelswitwe Anne Protheroe, für die Jutta Schröder dauernd das Kostüm wechseln muss. Die Dame will Fotograf Lawrence Redding (Thomas Linke) gefallen, hinter dem wohl die gesamte weibliche Dorfwelt her ist. Er ist zunächst der Hauptverdächtige. Wie der Untertitel »Miss Marple ermittelt« verspricht, kommt in dem von Manfred Bitterlich geschaffenen Bühnenbild, das bei der Premiere noch Stolperfallen für die Schauspieler barg, alles heraus. Miss Marple kann mit Unschuldsmiene weiterstricken. »Geh aus mein Herz, und suche Freud...«, singt sie leis'. Da kam er also am Ende noch, der geliebte schwarze Humor zur guten Unterhaltung, die das Publikum durchaus mit kräftigerem Applaus hätte quittieren können, verflucht nochmal. Dabei muss es durchaus nicht immer komisch zugehen im Berliner Kriminal Theater, meint Wolfgang Rumpf, einer der beiden Theaterchefs. Er will im Oktober einen Thriller von Henning Mankell inszenieren – »Vor dem Frost«.


Neues Deutschland vom 10.02.07 Almut Schröter



Miss Marple ermittelt im Pfarrhaus

Colonel Protheroe ist der unbeliebteste Mann im idyllischen St. Mary Mead. Sogar Pfarrer Clement wünscht ihm im Scherz den Tod. Pech für ihn, dass Protheroe kurz danach ausgerechnet in seinem Haus erschossen wird. In Agatha Christies Roman "Mord im Pfarrhaus" gab die weltberühmte Detektivin Miss Marple ihr Debüt, und mit diesem Fall feiert sie nun auch ihren Einstand im Berliner Kriminal Theater. Regisseur Ulrich Voß hat die Bühnenfassung von Moie Charles und Barbara Toy dafür humorvoll aufgefrischt, folgt aber in vielerlei Hinsicht der Vorlage. Weshalb auch die Inszenierung eher betulich-heiter daher kommt. Im Pfarrhaus ergeht man sich, obgleich puritanisch gesonnen, gern in frivolen Doppeldeutigkeiten. Miss Marple (Anette Felber) , eine scheinbar harmlose, überdrehte Alte, kennt den gesamten Dorfklatsch und kann sich manch bissige Bemerkung nicht verkneifen. Damit macht sie sich oft genug unbeliebt. Auch beim cholerischen Inspektor Slack (Peter Groeger). Der hat gleich sieben Verdächtige mit handfestem Motiv. Leider alle mit Alibi. Dann gestehen sowohl Anne (Jutta Schröder), die Ehefrau des Opfers, als auch ihr Geliebter, der Fotograf Lawrence Redding (Thomas Linke), die Tat. Nur, sie bleiben dabei seltsam unglaubwürdig.

Miss Marple überführt den Täter in einem furiosen Finale. Wesentlich interessanter als der Fall sind allerdings die liebevoll gezeichneten Figuren mit ihren schrulligen Macken. Allen voran Arne Lehmann als unter Narkolepsie leidender Vikar Hawes, der unter dem Talar gern String und Latex trägt. Er stiehlt mit einem fulminanten Freddie-Mercury-Playback allen die Schau.


Berliner Morgenpost 13. Februar 2007 - boro



Sieben wollen zur Südsee düsen

Im Berliner Kriminal Theater klärt "Die Sechser-Bande" einen Kunstraub auf

Die dicke Belohnung von 10 000 Euro wollen sie kassieren und zusammen zur Südsee düsen. Für sie ist klar, dass sie den Diebstahl des Picasso-Gemäldes aus der Neuen Nationalgalerie aufklären. Doch zunächst müssen sie sich zusammenraufen - die Sechser-Bande und der Neue, dessen Vater das Mietshaus gekauft hat, auf dessen Hof sie sich immer treffen.
Mit dem knapp eineinhalbstündigen Kinder-Kriminalmusical "Die Sechser-Bande. Ermittlungen auf eigene Faust" kam im Berliner Kriminal Theater eine spannende Geschichte von Asja Braune (Buch) und Iris Radunz (Songtexte, Regie) auf die Bühne. Iris Radunz wirkte als Jugendliche neun Jahre in der Sprechergruppe des Kinderensembles im Friedrichstadtpalast mit und zeigt hier gutes Einfühlungsvermögen dafür, dass Kinder in einem Musical singend und tanzend bleiben können, wie sie sind.
Die Musik für die Koproduktion der Friedrichshainer Bühne mit dem Verein Kindermusicaltheater in Berlin schrieb der in Kompositionen für Kinder erfahrene Musiker Lexa Thomas. Er schuf eingängige Songs für alle und lieferte bei den Soli teilweise gar nicht so leicht zu singende Vorgaben. Wie auch immer - die Kinder packen das.
In der Hinterhofkulisse von Manfred Bitterlich treffen die sechs aufeinander eingeschworenen Berliner Gören auf Tim (Caspar Radunz), der gar nicht über den Umzug seiner Familie vom Dorf in die Hauptstadt erfreut ist. Er fühlt sich allein ohne seine bisherigen Freunde. Das Leben ist hart.
Auch Sarah (Juana Wolff) ist traurig, weil jetzt Tim dort wohnt, wo ihre beste Freundin zu Hause war. Aber jammern bringt nichts. Wenigstens sind alle wieder da, freut sich Karl (Johannes Borchardt). Die Ferien sind zu Ende. Wenn auch die beiden Unzertrennlichen Lola (Klara Luisa Kiau) und Nele (Felina Rais) noch genauso hysterisch seien wie vor dem Sommer, meint Alex (Felix Erdmann). Er führt das Wort und dreht so richtig auf, wenn der Neue ihm über den Weg läuft. Das Wort Arschgesicht wird dabei benutzt. Zu heftig wirkt das in der Wiederholung.
Schließlich merken die Kinder bald, dass sie mit dem Neuen gemeinsam den Fall viel besser lösen können. Sie tragen alle Informationen zusammen, an die sie über bei der Polizei arbeitende Eltern oder durch eigene Recherchen kommen konnten und arbeiten sich zu logischen Schlüssen vor.
Wie sie dabei gedanklich vorgehen, ist sehr gut geschrieben und gespielt. Wiederholungen rufen die Fakten immer wieder in Erinnerung und stellen sie in neue, oft überraschende Zusammenhänge. Doch nun geraten plötzlich die Väter von Alex und Anne (Julia Holler) und der Nachbar Udo (Stefan Gräber) ins Visier der Ermittlungen.
Glaubhaft spielen die beiden Kinder, wie sie sich durch Verdächtigungen verletzt fühlen. Sie ziehen sich von der Bande zurück, beklagen, wie ihnen Vertrauen und Freundschaft der anderen fehlen und sind glücklich, als die Sache wieder ins Reine kommt.
Natürlich lösen die Schüler der Sechser-Bande, die am Ende zur Siebener-Bande wird, den Fall in dem Kriminal-Musical. Ganz schön gefährlich würde das ausgehen, wenn sie sich nicht beistehen würden. Dass sie die dicke Belohnung für die Aufklärung des Kunstraubs einstecken konnten, sieht man am Schluss, wenn sie auf ihren Koffern sitzen und noch einmal ihren Südsee-Song singen und tanzen.
Viele begeisterte junge Zuschauer kann man diesem Musical nur wünschen. Die werden dann schon merken, dass sie einen Ohrwurm mitgenommen haben.


Von Almut Schröter "Neues Deutschland" vom 02. April 2007



Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Nr. 3 ist kurz davor, komplett auszurasten. Elf zu eins für "nicht schuldig"? Nein. Egal, wie die anderen elf den Fall sehen. Sie wird nicht umfallen, sondern standhaft bleiben und auf schuldig plädieren. Dabei schien der Fall, ein Mordprozess, sonnenklar und die Verurteilung zum Tode des 19-jährigen Täters unausweichlich.

idney Lumets Regie-Erstling "Die zwölf Geschworenen" aus dem Jahr 1957 gehört zu den wohl berühmtesten Kriminalstücken der Leinwandgeschichte. Nun hat Wolfgang Rumpf das Psychodrama von Reginald Rose packend in einer behutsam modernisierten Dramatisierung von Horst Budjuh auf die Bühne des Berliner Kriminal Theater gebracht.

Man meint die schwüle Hitze förmlich zu spüren, die sich im von Manfred Bitterlich nüchtern gestalteten Jury-Raum ausbreitet. Im Laufe der leidenschaftlichen Diskussion lernt man die Charaktere ein wenig näher kennen. Wie Nr. 9, den klug abwägenden Alten (Thomas Hailer), oder Nr. 10, den ungehobelten, aufbrausenden Tankstellenbesitzer (Thomas Linke). Erstaunlich aber ist Nr. 8 (Arne Lehmann), ein unauffälliger Architekt im grauen Straßenanzug, der im Gegensatz zu den anderen Geschworenen nicht aus der Rolle fällt. Seiner ruhigen Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass die Aussagen der Zeugen nach und nach ebenso zerbröseln wie die vermeintlichen Beweise. Der Geschworenen-Clinch startet verhalten, nimmt dann unaufhaltsam an Fahrt auf bis zu einer ungeheuer großen Dichte und Spannung. Eine hervorragend besetzte und gespielte Wahrheitsfindung.

Berliner Morgenpost vom 27. Oktober 2006 - boro



Auf den Müll mit ihnen

"Die zwölf Geschworenen" als spannendes Kammerspiel im Kriminaltheater

Die Bühne ist ja randvoll mit Schauspielern!, bemerkte eine Zuschauerin, als sich die Bühne immer weiter füllte. - Nun, es dürften mindestens zwölf werden, erwiderte süffisant ihr Begleiter, das Stück heißt ja nicht "Die vier Geschworenen". Der Dialog erzählt viel von der Dramatik dieses Theaters. Es ist mit 180 Plätzen so klein, dass der Zuschauer den Luftzug beim Öffnen des Vorhangs spürt - so nahe kommt ihm die Bühne. Und der Theaterchef sagte, kurz bevor das Büfett der kleinen Premierenfeier bis zum letzten Brötchen leer gegessen war, erschöpft: "Sieben Wochen Proben! Immer mit allen! Sie machen sich eine Vorstellung!"

Er hat Recht. Was es für ein Theater heißt, ohne jeden Zuschuss ein so großes Stück zu stemmen, das können höchstens andere Privattheater ermessen. Es wird klar, dass selbst ein solches Haus, das nur kleinste Gagen zahlt (und für Proben gar nichts), dafür aber größte Leistungen erwartet, noch unter erstklassigen Schauspielern wählen kann: Keiner der zwölf, die hier zwei Stunden miteinander auf der Bühne stehen, gab eine schwache Figur.

"Die zwölf Geschworenen" ist ein Theaterstück des New Yorker Autors Reginald Rose, das durch Sidney Lumets Hollywood-Film von 1956 weltberühmt wurde. Es zeigt zwölf Geschworene in einem geschlossenen Raum (schön funktionales Bühnenbild: Manfred Bitterlich), die über Leben oder Tod eines Angeklagten befinden. Der Zuschauer weiß nichts vom Prozess, hat weder den Angeklagten noch den Richter erlebt, kennt nur die Juroren. Die schwitzen - es ist heiß -, die wollen zum Baseball oder nach Hause, für die ist der Fall klar: Der 17-Jährige, der seinen Vater erstochen haben soll, muss der Täter sein. Sie wollen weg und stimmen sofort ab - elf plädieren für schuldig, einer für unschuldig. Das Gesetz verlangt Einstimmigkeit.

So beginnt dieses grandiose Demokratie-Lehrstück, das Plädoyer für das Denken, für eine eigene Meinung, für Mut und Verantwortung, in dessen Verlauf die Juroren sogar aufeinander losgehen. Die elf Ja-Sager aus allen Schichten sind gefangen in ihren Vorurteilen und ihrer Angst vor dem Milieu ("Die gefährden unsere Gesellschaft! Auf den Müll mit ihnen!"). Mit dem Nachdenken, mit den Argumenten bröckelt ihre Sicherheit wie die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Regisseur Wolfgang Rumpf - er ließ auch Frauen in die Jury - gelingt dabei mit seinem sehr professionellen Team ein dichtes Kammerspiel mit durchaus komischen Zügen, das bis zum Schluss seine Spannung hält. Vielleicht erscheint die überdeutliche Zeichnung der Charaktere vom cholerischen Proll bis zum überlegenen Architekten sehr amerikanisch, aber das Stück ist es ja auch. Arne Lehmann als unbewegter erster Nein-Sager und Katrin Martin als letzte sich aufbäumende Ja-Sagerin bilden jedenfalls die überzeugenden Pole in einem Stück, das auf jede Aktion verzichten und seinen erstaunlichen Unterhaltungswert allein aus der Rhetorik ziehen muss.


Berliner Zeitung vom 27.10.2006 - Birgit Walter




Opfervolle Pflege mit köstlichem Rezept

Berliner Kriminaltheater in Friedrichshain zeigt »Arsen und Spitzenhäubchen«

Eine lärmende Attacke jagt die nächste. Neffe Teddy Brewster rast Trompete blasend die Treppe hoch. Er bildet sich ein, Mister President zu sein und eilt, um sich mit seinem Kabinett abzustimmen. Jeder, der ins Haus kommt, spielt diese Farce mit. In der Familie Brewster sind eben alle »etwas speziell«, meint Mortimer, der jüngste Neffe von Abby und Martha Brewster. Die beiden alten Damen kümmern sich aufopferungsvoll um ihren Mister President und umsorgen auch Mortimer. Der Arme reibt sich als Theaterkritiker auf. Schrecklich, aber irgendwer müsse das schließlich machen. Ab und zu wird Teddy von den Tanten auch in den Keller geschickt, um am »Panamakanal« zu schaufeln oder ein neues »Gelbfieberopfer« zu begraben. Dann haben die Brewster-Tanten mal wieder mit ihrem vergifteten Holunderwein für das ihrer Ansicht nach sozialverträgliche Ableben eines einzelnen älteren Herrn gesorgt. Zwölf haben sie schon erledigt. Ein Teelöffel Arsen, ein halber Teelöffel Strychnin und eine Brise Zyankali ist ihr todsicheres Rezept. Ein Herr habe sogar noch »köstlich!« gesagt. Das Berliner Kriminaltheater nahm die 1941 in New York erstmals aufgeführte schwarze Kriminalkomödie »Arsen und Spitzenhäubchen« von Joseph Kesselring ins Repertoire. Das Stück war in Berlin vom Schauspiel Neukölln 2006 zuletzt auf die Bühne gebracht worden. Nun inszenierte es Wolfgang Rumpf in der Kulisse von Manfred Bitterlich, dass es ein Vergnügen ist -- ohne ein Körnchen Staub auf dem betagten Stück. In der zweieinhalbstündigen, von Rumpf bearbeiteten Fassung des Burgtheaters Wien gibt Vera Müller eine hinreißende Abby Brewster. Sie bietet so viel naiven Charme auf, dass Renate Blume als ihre Schwester Martha nicht mithalten kann. Klaus Rätsch spielt in unbeirrbarem Ernst den durchgeknallten Teddy. André Zimmermann wankt als Mortimer angesichts der Ereignisse im Hause der Tanten immer schön am Rande des Nervenzusammenbruchs. Für zusätzlichen Stress sorgt seine Freundin Elaine. Gundula Piepenbring dreht in dieser Rolle bis zur Pause sehr auf, spielt im zweiten Teil besser. Da taucht schön schaurig mit Frankensteingesicht Ulrich Voß als der dritte, von der Polizei gesuchte Neffe Jonathan auf. An seiner Seite Peter Groeger als plastischer Chirurg Dr. Einstein. Alkoholisiert und von einem Film inspiriert hatte er Jonathan zu dem neuen Antlitz verholfen. Max Haupt und Christian A. Hoelzke kommen als Polizist Brophy und Leutnant Rooney dem finsteren Jonathan am Ende auf die Spur. Den meisten Verwandlungsspaß hat Thomas Hailer. Er spielt den Pfarrer, einen Blinden und den Leiter eines Heims für »etwas spezielle« Menschen wie die Brewsters es nun mal sind. Außerdem ist er Polizist O'Hara, der sich eigentlich als Bühnenautor sieht. Der Revier-Shakespeare peinigt Mortimer ebenso wie Jonathan und Einstein mit seinen schriftstellerischen Fantasien. Erschöpft schlafen sie in einer der ulkigsten Szenen des Stücks darüber ein. Ebenso wie »Die Mausefalle« wird der »Arsen«-Klassiker sicher lange auf dem Spielplan sein. Die schnappte nun bereits fast 850 Mal zu, hat mittlerweile 60 Darsteller in acht Rollen »verschlissen« und wird von Rumpf unverdrossen immer wieder frisch aufgestellt.



Neues Deutschland vom 27. März 2009 - von Lucía Tirado



Knisternde Spannung




Süddeutsche Zeitung  - 22.06.2009



Friedrichshain ...



Bild 24.10.2009




Opfer und Rache-Engel

»Bis zum Äußersten« im Berliner Kriminaltheater Zeit für Vorgeplänkel nimmt sich der Regisseur nicht. Zwei, drei Minuten darf die hübsche junge Frau vergnügt über den mit Folie bedeckten Boden tänzeln, Farbeimer und Malerrolle bereitlegen – da steht plötzlich ein fremder Mann im Raum, und binnen Sekunden entwickelt sich ein Kampf auf Leben und Tod. Matti Wiens Inszenierung »Bis zum Äußersten (Extremities)« im Berliner Kriminal Theater zeigt über 90 Minuten ein hochemotionales Psychoduell. William Mastrosimones Stück – einige dürften den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1986 mit Farrah Fawcett in der Hauptrolle kennen – ist deshalb so erschreckend, weil das Böse unvermittelt in den Alltag platzt. Der Unbekannte, der am helllichten Tag in Marjories Haus steht, weiß, dass sie alleine ist; er weiß sogar, wann ihre beiden Mitbewohnerinnen zurückkommen werden. Er beginnt ein sadistisches Katz-und-Maus-Spiel, schlägt und würgt die junge Frau, will sie vergewaltigen. Marjorie gelingt es in ihrer Todesangst, ihren Peiniger zu überwältigen. Sie dreht den Spieß um, will sich rächen – doch als ihre Mitbewohnerinnen nach Hause kommen, treibt der Gefesselte geschickt einen Keil zwischen die Frauen. Schlimmer noch: Selbst ihre Freundinnen scheinen Marjorie weder zu glauben noch ihr Dilemma zu verstehen. Der Film löste in den USA eine heftige Diskussion um Gewalt gegen Frauen aus, besonders bedenklich ist: An der Situation Betroffener hat sich seither kaum etwas geändert. Dabei brandmarkt das beklemmende Drama nicht nur den gesellschaftlichen Umgang mit den Opfern, sondern kann auch als Stück über Selbstjustiz allgemein gelesen werden. Zwar wird das hohe Tempo nicht immer durchgehalten, doch hat der gelernte Schauspieler Matti Wien mit seiner zweiten Regiearbeit am Kriminal Theater ein packendes Kammerspiel in Szene gesetzt, das knisternde Spannung erzeugt Mirko Zschocke spielt den Vergewaltiger als kahlköpfiges Muskelpaket manipulativ und uneinsichtig bis (fast) zur letzten Minute. Sara Wehrs als naives Dummchen Terry und Alexandra Madincea als Sozialarbeiterin Patricia verleihen ihren recht stereotyp angelegten Charakteren so viel Glaubwürdigkeit wie möglich. Die Entdeckung des Abends aber ist Esther Esche als Marjorie: Auch äußerlich ein Abbild der damals für ihr Spiel hoch gelobten Farrah Fawcett, steht die Berlinerin dem US-Star auch in punkto Darstellung in nichts nach. Ungeheuer intensiv gibt sie das zur Täterin avancierende Opfer, vermittelt nachvollziehbar die Entwicklung von Angst, Schmerz, Demütigung, Wut und dem Wunsch nach Rache.

Neues Deutschland 5.11.2009 von Anouk Meyer



"Extremities" Packt die Zuschauer...




Berliner Woche 11.11.2009